allgemein · reisend

∆ Über das dschungelige Leben ∆

In einer Hängematte liegend, den Geräuschen des Dschungels und dem Rauschen des Wassers lauschend, schreibe ich diesen Text. Wir sind in einem kleinen Paradies angekommen. Auf der Ilha Grande, einer Insel vor Brasilien.

Nach 5 Tagen in der lauten, stressigen, bunten und riesengroßen Stadt Rio haben wir uns in einen Transferbus Richtung Süden gesetzt und ein paar Stunden später sind wir hier angekommen:

Ein Traum, oder?

Traumhaft unwirklich schön. Ein kleines Nest voller Dschungel, Berge, umgeben von Meer und keinen Autos auf der Insel. Die Straßen sind Erde, die Häuser sind bunt. Die Menschen – ca. 3000 leben hier – sind entspannt und niemand will uns etwas klauen. Diese Insel lebt vom Tourismus, dementsprechend gibt es unzählige kleine Läden, Supermärkte, Restaurants, Touren-Anbieter und ganz, ganz viele kleine Hostels.

Ein paar Dschungelvöglein

Wir haben uns eine Wohnung gemietet und bereits beim Betreten haben wir uns zuhause gefühlt. Und das ist auch gut so, denn wir verbringen hier die nächsten zwei Wochen. So schön! Unsere Wohnung ist klein und sehr fein. Wir haben einen großen Balkon mit Hängematte und Blick zum Dschungel. Ich kann es fast nicht glauben, dass ich hier sein darf. Unter mir fließt ein Bächlein, das Rauschen der Wellen vom 2 Minuten entfernten Strand hören wir auch. Morgens wachen wir auf, weil die Vögel (und alle möglichen Dschungelbewohner) so “laut” sind. Im Bett liegend können wir durch eine Glasfront den Balkon und die dahinterliegende Natur betrachten.

Der Blick durchs Apartment
Gemütlichkeitsbalkon

Jeden Tag kaufen eine wir eine frische Ananas (um weniger als 1,50 Euro!) und einen Strauch mit ca. 10 Bananis (das ist die Verkleinerungsform von Banane), machen daraus gemischt mit Maracuja und Mango einen superguten Saft und kochen uns feines Essen – und hier kommt eine abenteuerliche Geschichte: In vielen Bäumen überall auf der Insel wächst eine riesengroße und äußerst interessante Frucht: die Jackfruit. Diese Frucht wird roh gegessen und auch als Fleischersatz genommen, da die Fasern – gekocht mit den richtigen Gewürzen – Fleischfasern (am meisten Hendl) ähneln. Und tja, so eine Frucht hat uns beim Spazieren am Strand sehr angelacht, wir haben sie mitgenommen und gestern verkocht. War das ein Aufwand! Die Jackfruit enthält natürliches Kautschuk und klebt dementsprechend überall (inklusive Fingern und Haaren und überall eben). Nach einer Stunde kochen und zufügen zur Tomatensauce ist daraus ein wirklich leckeres Abendessen geworden – und es hat sich so dschungelig angefühlt, eine selbstgefundene Frucht zu verarbeiten. Quasi-autarke Selbstversorgung – check!

Die ominöse Jackfruit…
… und die etwas intensive Vorbereitung
Jeden zweiten Tag kaufen wir ca. 15 Bananen, was für ein Luxus!

Hallelujah! Bald hätte ich einen wichtigen Punkt vergessen! Am Samstag, als wir angekommen sind, haben wir ganz laute – und echt “lässige” (Maxi, du weißt, wie ich dieses Wort hier verwende) – Musik gehört und uns nur gedacht, dass das wohl eine Party in einem Hostel ist. Bis Gastón den Text verstanden hat: “Jesus, dir vertrauen wir. Jesus, du bist unser Retter. etc. etc.” Und zwar ist unsere Wohnung genau neben einer Assembly-of-God-Kirche (geht in die protestantische Richtung, pfingstlerisch steht auf Wikipedia…).

Und diese Kirche ist so aktiv, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Am Sonntag im Laufe des Nachmittags haben immer wieder Proben mit unterschiedlichen Musikinstrumenten, inklusive Schlagzeug und Trompete und Saxophon, stattgefunden. Und das alles für die große Show am Abend: Diese hat um 18 Uhr begonnen und bis ca. 21:30 gedauert. Dreieinhalb (!) Stunden Gottesdienst mit Gesang, Band und extrem lauten Reden (die in Geschrei übergegangen sind). Vom Balkon aus haben wir das Spektakel ein bisschen mitverfolgt – Hände hoch und Augen zu war eine der Devisen der betenden Leute. Ein bisschen anstrengend, müssen wir zugeben. Auf der Eingangstür steht “Programm mittwochs, donnerstags, freitags und sonntags” – während ich hier schreibe proben die aber schon wieder, obwohl heute eigentlich der freie Tag wäre. Wir hoffen auf ruhigere Zeiten. Amen.

Ich mit meinen selbstgeschnittenen (nicht ganz geraden) Haaren vor der aktiven Kirche

Noch was Schönes von der Insel: Es gibt hier ganz viele Wanderwege, die zu alten Ruinen (die Insel war vor längerer Zeit eine Quarantänestation und diente auch als Gefängnisinsel), weißen Sandstränden oder Berggipfel führen. Bereits am ersten Tag haben wir eine solche Trilha [sprich: Trilja] gemacht und sind nach zwei Stunden schwitzend bergauf und bergab im Dickicht des Dschungels an einem Wasserfall angekommen. Dort haben wir uns abgekühlt – was für ein Gefühl! Unter dem peitschenden Wasserfall stehen und das Leben spüren!

So fein, das Plantschen im Meer

Apropos Leben spüren. Ich sags euch, es ist gar nicht so leicht, die ganze freie Zeit zu genießen. Das mag sehr überheblich und unwirklich klingen, wo es doch das ist, wonach sich so viele sehnen. Aber – und darüber führen Gastón und ich viele Gespräche – wir wollen eine Aufgabe, einen Sinn haben. Etwas, zu dem wir nach vorne schauen können. Etwas, das den Tag einteilt und uns nicht dahinwarten lässt. Versteht ihr, was ich meine?

Hier beim guten Nichtstun

Es ist wundervollst, langsam und ausgeschlafen aufzuwachen und den ganzen Tag frisch und ohne Müssen vor uns zu haben. Es ist auch wundervoll, Pläne für den Tag zu machen (die wir, ehschonwissen, sowieso ändern) und uns von niemandem dreinreden lassen. Das sind alles Dinge, die wir hier zu genüge haben und tun. Und doch – die Tage sind so lange und teilweise etwas mühsam beim Nichtstun. Denn wir könnten alles tun: wandern, schwimmen, einkaufen, kochen, schlafen, essen, lesen, kreativeln, schreiben, arbeiten, schauen, Musik machen und und und. Und das am besten gleichzeitig.

Viel Zeit? Ja! Ich häkle neuerdings Tiere – hier ein Pinguin

Und manchmal machen wir dann einfach gar nichts. Und es ist nichts das gute Nichts, es ist das wartende, schwere, innerlich unruhige Nichts. Überwältigt von der Fülle an Wundervollem, das wir tun könnten. Und nein, ich jammere hier nicht herum. Ich stelle nur fest, dass es immer um die persönliche Einstellung zu Dingen und Situationen geht. Dass ich mein Leben – besonders in so freien Zeiten, wie die, die ich gerade erleben darf – selbst in der Hand habe. Und das bedeutet Verantwortung. Selbstverantwortung und Lebensverantwortung. Das bedeutet Selbstliebe und Selbstfürsorge.

Und wem das zu abgehoben wirkt: Wenn ich niemanden habe, der oder die mir sagt, was ich tun (und nicht tun; (nicht) fühlen, (nicht) denken,…) soll, muss ich jede Entscheidung und dadurch auch jede Konsequenz, die damit einhergeht, selbst verantworten (auch, wenn ich für so manche Umstände nichts kann und immer mehr mitspielt, als meine kleine Entscheidung). Das zu lernen, ist ein Prozess. Und es ist nicht immer leicht, selbst für das eigene Leben verantwortlich zu sein. Ein weiser Reisegedanke. Wenn nicht sogar ein Lebensgedanke. Darüber könnt ich noch viel schreiben. Ein Buch vielleicht. Ich würde es Das Dschungelbuch nennen. Was für eine geniale Idee.

Die einzige Gefahr an diesem Strand sind eventuell herunterfallende Kokosnüsse

Dschungelige Grüße aus der Freiheit.

• K •