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∆ Von heiligem Wasser, sexueller Erziehung und anderen Aktivitäten ∆

Das nenn ich mal einen Titel! Muss schon sagen, da übertreff ich mich selbst mal wieder.

Stets zu meinen Diensten!

Ich kann euch von dieser Woche so viele Dinge erzählen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Am besten am Anfang. Das macht Sinn.

Die berühmten Steineier von Buenos Aires

Also am Ende des letzen Blogeintrags hab ich ja geschrieben, dass wir zu einer Comicconvention fahren. Und da beginnt auch schon das erste Abenteuer dieser Woche.

Demi (ein Freund von Gastón, in dessen Wohnung wir über meinen Geburtstag bleiben durften) arbeitet als Sprecher für Werbungen und Cartoons – unter anderem für einen, der unter der jungen Bevölkerung Argentiniens sehr bekannt ist. Er ist die Stimme des Hauptcharakters und ist daher zu dieser Comicmesse eingeladen worden, um Autogramme zu geben und von seiner Arbeit als Sprecher zu … sprechen.

Die berühmten Cartoonstars von San Nicolas

Und wir haben uns diesen Spaß natürlich nicht entgehen lassen und sind mit ihm in eine kleine Stadt ca. 3 Stunden westlich von Buenos Aires gefahren. Im Auto mit Mate und lauter Musik sind wir so durch die Pampa gefahren. Und noch nie in meinem Leben hat dieser Satz auch geografisch so viel Sinn gemacht! Die Pampa ist eine Landschaftsform, die geprägt von weiten (endlosen) Wiesen, sattgrünem Gras und Pferden bzw. Kühen ist, die sich darauf tummeln. Wunderschön! Und so anders, wenn am Ende der Weite keine Berge zu sehen sind!

In San Nicolas waren wir dann wie gesagt auf der Comicmesse, ein höchst schräge Angelegenheit für mich als Comicnokerbatzi. Aber gut, Erfahrungen sind ja da, um gemacht zu werden. Viele Leute waren verkleidet, es gab auch die professionellen Verkleideten, die als Star Wars oder Predators (habe ich vorher nicht gekannt, geb ich zu) ihre Show gemacht haben.

Ein berühmter Predator (beim Verlassen des Klassenzimmers – er hat wohl was angestellt…)

Nach der Show von Demi und Agustina (das ist die Kollegin, die das Mädchen in der gleichen Serie spricht), gab es noch Autogramme und danach sind wir ab in die Stadt, haben Pizza gegessen und uns am Hauptplatz mit uns selbst amüsiert.

Was für ein spontaner Schnappschuss!

Am nächsten Morgen sind wir dann los um * tamtatatataaaam* heiliges Wasser zu schlürfen. (Darf man das so überhaupt sagen? Ist das nicht schon Blasphemie? Ich weiß es nicht, aber was wir dort aufgeführt haben, war wahrscheinlich nicht ganz heilig…). Wir sind also zu dieser Kirche, in der im Keller eine Quelle mit einem Brunnen ist, in der durch einen Lichtstrahl die Heilige Maria erschienen ist.

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Die heiligen Matefreunde

Und wenn ich das so schreibe, dann schüttle ich bereits meinen Kopf. Ich bin für so etwas ja gar nicht zu haben, Gastón und Demi haben ein paar (geheime) Videos in der Kirche gemacht, dann sind wir aber schnell raus. ABER und das ist ja gut, wenn es gläubigen Menschen hilft, dann ist das ja gut. Wir haben an der Zapfstelle eine Flasche heiliges Wasser mitgenommen, das wirklich gut geschmeckt hat und sind dann am Heimweg wieder mit Mate und diesmal noch lauterer Musik heimgedüst. Stoppgemacht haben wir bei einem Bauernstandl neben der Straße, haben Früchte gekauft und uns des Lebens gefreut.

Die heiligen Wasserhähne

An diesem Wochenende hab ich mit Gastón und Demi so viel gelacht, und mich selbst auch so lustig gefunden, was mich natürlich noch mehr zum Lachen gebracht hat. Im Auto hinten drin hab ich dann festgestellt, dass ich es liebe, mit Menschen unterwegs zu sein und kleine Abenteuer zu erleben (oder uns selbst welche zu machen), die so auf einer Wellenlänge mit mir sind. Zufrieden und sonnenverbrannt, aber mit einer Flasche heiligen Wassers sind wir am Montagabend wieder in Martinez angekommen.

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Am nächsten Tag haben wir einen Trip in die Hauptstadt gemacht, um Schobi zu treffen. Einen guten Freund von Maxi und mir und unserer Familie überhaupt. Der ist mit seiner Freundin, die hier ein Auslandssemester gemacht hat, am Herumreisen und da haben wir uns getroffen, sind durch wunderschöne Parks geschlendert, haben die Farben der Papageien bewundert und natürlich Mate getrunken. Das Gefühl von Heimat und Zuhause hat sich beim Ratschen und Reden in mir ausgebreitet und es hat auch so gut getan, meine Erfahrungen mit Leuten, die aus dem gleichen Land kommen, zu teilen.

Hier gemütlich im Papageienpark

Die Liste der Aktivitäten hört aber nicht auf, nein, nein! Wie gesagt, diese Woche war vollgepackt damit! Am nächsten Tag hab ich mich mit Luli, einer Freundin von Denise getroffen. Die hab ich in Berlin kennengelernt und gemeinsam sind wir in den Park gegangen, haben Stempeln geschnitzt und einem Dudelsackspieler zugehört. So einer feiner Nachmittag und auch mal schön, was alleine zu machen (Thema Unabhängigkeit und so).

Kreativeln in einem anderen Park

Der nächste Tag hat mit einem ganz besonderen Termin auf mich gewartet: Ich hab eine kleine, deutschsprachige Spielgruppe hier um die Ecke besuchen dürfen. Die haben wir zufällig beim Spazieren entdeckt und daraufhin hab ich Kontakt aufgenommen und sie haben mich eingeladen.

Das Haus ist ein kleines Wohnhäuschen und bereits beim Eintreten hab ich das wohlige Gefühl von Kinder-Leben gespürt. Ein kleines Mädchen ist gleich zu mir gekommen, hat mich umarmt, „hola“ gesagt und ist dann wieder abgezischt. Ich hab den ganzen Vormittag dort verbracht und mitgespielt, getanzt, am Boden gesessen, beobachtet, gemalt, Musik gehört, Bücher angeschaut und die Energie von 2-Jährigen genossen.

Das ist nicht die Spielgruppe, sondern ein Haus, das ich gerne kaufen würde

Die Pädagoginnen sprechen Deutsch mit den Kindern, die Kinder antworten meist auf Spanisch. Ich hab nicht so viel verstanden, weil es mir echt schwergefallen ist, bei einer piepsigen Stimme und abgelenkt vom kleinen, so lieben Gesichtchen auf die Sprache zu achten. Am Ende hab ich noch ein kleines Lied mit ihnen gesungen und gesagt, dass ich sehr gerne wieder kommen möchte.

Ich bin auch mit der Leiterin im Kontakt, sie hat mir am nächsten Tag geschrieben, dass die Kinder schon gefragt haben, ob „Catalina“ heute wieder kommt. Ach, wie schön! Erfüllt und voller Ideendrang bin ich nach Hause, hab Gastón meine Pläne von der Arbeit mit kleinen Kindern erzählt und mich gefreut, dass ich den ganzen Vormittag von so feinen Wesen umgeben sein durfte.

Auch so ein feines Wesen, dieser Gastón

Am Freitag hab ich dann ganze zwei Stunden mit meiner Familie videotelefoniert und das hat so so gut getan. Alle waren da, alle versammelt vorm Handy. Alle haben ihre Geschichten erzählt und ich hab mich ihnen so nahe gefühlt. Es tut so gut zu wissen, dass ich euch habe und so wichtig bin. Danke Papa, Mama, Alex, Maxi, Raphael und Marla. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich euch manchmal vermisse. Und wie warm es mir ums Herz wird, wenn ich daran denke, dass ich so ein unglaublich großes Glück habe, Teil dieser Herzensfamilie zu sein.

Ich geb zu, heute sind meine Fotos etwas aus dem Kontext gerissen – aber teilen möcht ich sie trotzdem mit euch 🙂

Am Freitag waren wir bei der Präsentation eines Buches über sexuelle Erziehung. Dieses hat die Mama eines guten Freundes von Gastón geschrieben, und die beiden haben den Abend gefilmt und ich hab mich ins Publikum gesetzt und genossen, an so einer Veranstaltung teilzuhaben. Alles hab ich natürlich nicht verstanden, aber die Kernpunkte möcht ich gerne mit euch teilen.

Hier in San Nicolas am Fluss Paraná

In Argentinien gibt es, wie erschreckenderweise in ganz vielen Teilen der Welt, eine starke Bewegung der konservativ Rechten. Und diese sind unter anderem gegen die sexuelle Erziehung im Kindergarten, weil sie finden, dass wir Kinder dadurch zeigen, homosexuell oder transgender oder pervers oder wasauchimmer zu werden. Dass wir durch die Erziehung zu selbst- und körperbewussten Menschen die Gesellschaft in eine falsche Richtung bringen.

Jacaranda – der Baum, der gerade in der ganzen Stadt seinen Blütenteppich auslegt

Das andere Extrem ist, dass Kinder nicht mehr berührt werden dürfen, keine Umarmungen, kein Windelwechseln etc., weil das die Integrität der Kinder einschränken würde.

Und dieses Thema nimmt dieses Buch auf und zeigt in Projekten und Ideen für Familien, wie es gehen kann, dass ganzheitliche sexuelle Erziehung von jungen Kindern Zärtlichkeit braucht. Dass Umarmungen nicht Umarmungen sind. Und dass ein Miteinander wichtig ist, wenn wir eine Gesellschaft mit kritischdenkenden, selbst- und körperbewussten Menschen wollen, die ihre Grenzen kennen und die Grenzen der anderen respektieren.

Und dasss iss dass Pla-ne-ta-ri-un (bitte mit lustiger Wisperstimme lesen)

Viele Leute waren anwesend, viel Interesse wurde gezeigt. Das Buch ist natürlich auf Spanisch, aber ich hab mit Santis Mama gesprochen, dass ich das Buch trotzdem gerne haben würde, um die Ideen und Gedanken nachlesen zu können. Und ich vertraue meinen Spanischsynapsen, dass die sich immer mehr und mehr bemühen, mir das Verstehen der Inhalte zu ermöglichen.

Im Anschluss gab es noch ein Konzert von drei Tango-Musikerinnen, ich hab mich wie in einem Film gefühlt. Und was mich berührt hat, ist die Tatsache, dass ich gerade hier bin und so tief in diese Kultur eintauchen darf: Diskussionen über Politik und Erziehung, Musik, die das widerspiegelt, was viele Menschen fühlen.

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Und heute hatten wir einen feinen Familiensonntag bei Gastóns Bruder daheim – bei selbstgemachter Pizza, Eis in 250g-Portionen und einem 3D-Drucker haben wirs uns bei ihm im Patio (das ist der Hof, der im oder zwischen oder vorm Haus ist) gemütlich gemacht! So ein feiner Tag!

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Herrrlich! Ananas, Himbeere und Zitrone mit Schokostücken, geliefert mit Nüsschen zum Verzieren

Diese Woche war wirklich gut. So viele Aufs, so viele bereichernde Momente. Ich bin dankbar für alles hier. Und was ich auch gemerkt habe: Ich darf manche Ideen und Vorstellungen einfach loslassen. Ich muss hier nichts. Weder tun, noch erledigen, noch erleben. Ich bin hier und alleine dadurch tut sich schon so vieles in mir.

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∆ Aufs und Abs ∆

Reisen ist immer schön. Immer entspannend. Immer voller Freude und voller guter Momente. Es ist immer einfach, weil es ja keine Regeln und keine Vorschriften gibt.

Hier glücklich in einer Spielzeugausstellung

So sieht es auf den Fotos aus, so sind die Reisegeschichten meistens. Und ich werde heute und jetzt etwa zugeben: Das ist nicht so. Reisen ist auch anstrengend, nicht schön und nicht immer voller Freude.

Hier immer noch ziemlich glücklich, allerdings im falschen Moment fotografiert – mit Gastóns Freund Gaspar waren wir am Fluss, Mate trinken und übers Leben reden

Ich habe in den letzten Wochen einige Auf und Abs erlebt. Und davon werd ich euch jetzt berichten.

Also die Abs. Hu. Ich sags euch. Es ist anstrengend, die Sprache des Landes nicht zu sprechen. Ich kann nicht sagen, was ich brauche oder will, kann meine Ideen nur schwer teilen, kann zuhören, aber nicht wirklich antworten. Natürlich, ich verstehe immer mehr, darauf bin ich wirklich stolz – noch nie in meinem Leben habe ich eine Sprache so in der Praxis gelernt. Ich konnte bei den anderen Sprachen zumindest einige grammatikalische Strukturen und Muster. Und jetzt sitz ich hier, brauche lange, um einen Satz herauszubekommen und fühl mich dabei manchmal einfach überfordert und entmutigt.

Alles ist ein Prozess und ich merke natürlich, dass es in eine gute Richtung geht, aber – und das muss ich leider zugeben – meine Ungeduld trägt nicht zu meiner Zufriedenheit bei. Gastóns Eltern sind so geduldig mit mir, erzählen mir so viel und freuen sich jedes Mal, wenn ich etwas mehr verstehe. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Aber wenn ich dann wieder mal nicht sagen kann, weil ich die Wörter noch nicht habe, oder zu schüchtern bin, dann ist das ziemlich frustrierend.

Gastóns Mama hatte zwei Tage nach mir Geburtstag – hier feiern wir gemeinsam mit zwei Kuchen und lustigen Kerzen

Ein weiteres Ab, das ich hier gerade spüre, ist Abhängigkeit. Es ist wunderschön, dass Gastón sich um mich kümmert, er macht das wirklich gut und mit ganzem Herzen. Und dieses auf-ihn-Verlassen macht mich natürlich in gewisser Weise abhängig von ihm. Er wirds schon richten, er wirds schon übersetzen, er wirds schon lösen. Ich verlasse mich auf ihn und er übernimmt ganz viele Aufgaben hier – für uns beide. Und damit versetze ich mich selbst in eine Abhängigkeit, die ich nicht mag. Natürlich ist es schön, wenn alles für mich gelöst wird, aber meine Komfortzone verlasse ich dadurch nicht. Ich merke das erst, wenn ich zwider werde, obwohl doch alles für mich einfach sein sollte. Und wenn ich dann gemein werde, weil alles für mich gemacht wird, merke ich, dass ich mich in einem Zustand befinde, den ich war nicht so gerne mag, der aber jetzt in dieser Zeit gerade Realität ist. Dass das nicht für immer anhalten wird, ist klar. Dass dieser Moment auch nicht das ganze Leben ist, das darf ich dabei lernen.

Das Zusammenleben mit einer Familie, die einen eigenen Rhythmus hat, hat seine wunderschönen, aber natürlich auch intensiven Seiten. Ich mag Gastóns Eltern von Herzen gern, sie sind so zuvorkommend und lieb und geduldig und verständnisvoll zu und mit mir. Ich bin so so dankbar, dass ich sie kennenlernen darf. Und manchmal merke ich einfach, dass ich durch meine bisherigen Erfahrungen auch mal keinen Rhythmus oder eben meinen eigenen Rhythmus leben möchte. Und das ist in diesen Umständen nicht so leicht.

Apropos Rhythmus – hier in einem der feinsten Buchläden, die ich je sehen durfte

Gastón und ich haben das letzte Wochenende – inklusive meinen Geburtstag – in der Wohnung eines Freundes verbracht und das hat uns so richtig gut getan. Wir hatten unseren eigenen Rhythmus, haben getan und nicht getan, was wir (nicht) wollten und gemerkt, dass wir sehr bereit sind für das Leben zu zweit gemeinsam an einem Ort. Es ist natürlich anders, einen Raum oder eine ganze Wohnung ganz für uns alleine zu haben. Ich kann mich im Haus überall frei bewegen, natürlich! Aber es ist halt einfach nicht mein Haus und das ist auch ok so. Wir haben am Ende des Wochenendes festgehalten, was uns so gut tut und sind draufgekommen, dass wir das ganz einfache und leise Leben gemeinsam so genießen. Wenn wir Musik hören, Kuchen backen und zusammen alleine sein können, dann sind unsere Wohlfühlbedürfnisse weitgehend gedeckt.

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So fein! Das ist die Geburtstagswohnung hier mit Lichterkettengemütlichkeit

Eine weitere Sache, die einige Tränen mit sich bringt, ist, dass ich einfach manchmal gern Zuhause wäre. Mit meiner Familie einen gemütlichen Sonntag zu verbringen, die Sprache sprechen, die ich am besten verstehe und die kleinen (kulturellen, familiären, alltäglichen) Zwischendinge ohne Nachdenken und Nachfragen einfach mitzuleben. Das wünsche ich mir manchmal und das ist auch das, worauf ich mich so freue. Ich weiß, dass ich (quasi) mein ganzes Leben daheim war und auch mein kommendes Leben (ach, ich schreibe, als gäbe es mehrere Leben!) daheim sein kann. Ich weiß auch, dass ich jetzt in diesem Moment hier bin und alles aufsaugen soll, was ich aufsaugen kann. Aber ich gebe es zu: Manchmal wärs so schön, wenns einfach einfach wäre. Und Bekanntes ist einfacher. Zumindest von weit weg.

Und was als „ach so interessant“ und „wichtig für die Erweiterung der Blickwinkel“ angesehen wird, kann manchmal einfach ermüdend und aaaanstrengend sein: kulturelle Unterschiede. Wie oft ich Sachen einfach nicht verstehe, anders interpretiere oder mache, weil ich in einer anderen Kultur aufgewachsen bin! Ich sehe so viele Gemeinsamkeiten und trotzdem komme ich immer wieder zu dem Punkt, dass ich etwas nicht verstehe – und da red ich jetzt nicht allein von der Sprache – und komplett anders aufnehme, als es intendiert war.

Zum kulturellen Unterschied noch ein Foto: Das ist der Altar von einem Gaucho (Gauchito Gil, falls wer recherchieren mag) – eine Opferstätte, zu der Menschen tagtäglich ihre Opfergaben bringen

Das mit dem Unterbrechen hab ich euch ja schon gesagt. Aber da gibt es noch eine Sache, die mich fürchterlich ärgern kann (wenn ich im richtigen – also eigentlich falschen – Gemütszustand bin): das komplett andere Einschätzen und Einteilen von Zeit. Wenn wir sagen, dass wir in einer Viertelstunde etwas machen, dann bin ich in einer Viertelstunde fertig. Weil ich ja weiß, dass wir was machen und ich ja antizipieren kann, wie lange ich für gewisse Dinge brauchen werde.

Das ist hier nicht so. „Wir essen gleich“ heißt bei mir: Wir essen gleich. Dass das dann aber bis zu zwei Stunden dauern kann, verstehe ich schlichtweg einfach nicht! Es ist wirklich so: Ich verstehe es mit meinem Verstand nicht! Wenn ich sehe, dass alles halbfertig ist, dann kann ich doch cirka einschätzen, wie lange das Essen (das Zusammenrichten, Duschen, der Weg irgendwohin, etc. – die Liste ist lang) dauern wird. Oder etwa nicht? Das macht mich manchmal fertig. Und ganz huschig. Und dann trägt das nicht grade zur Harmonie bei.

Der trägt allerdings sehr zur Harmonie bei! Die Streusel wollte ich unbedingt haben

Ich lerne immer mehr, mich einfach auf Situationen einzulassen. Nehme meinen Block und meinen Stift zum Esstisch, weil ich mittlerweile weiß, dass ich leicht Zeit habe, ein paar Dinge aufzuschreiben oder zu zeichnen. Aber manchmal, da reichts mir einfach und da möchte ich in meinem effektiven Zuhause, umgeben von planmäßigen Abfahrten und verlassenswerten Angaben sein. Aber ja, das ist wohl etwas, das ich hier lernen darf und gezwungenermaßen lernen muss: Geduld.

Das schreib ich dann auf, um von den Abs leichter zu den Aufs zu kommen

Wie ihr seht, sind meine Abs auch mit vielen Aufs gekoppelt. Ich kann das Gute im Unwohlsein herausfiltern, früher oder später. Ich schreibe das alles nieder, weil ich mich und meine Gefühle dadurch besser verstehen kann. Und weil ich es fair finde, auch das zu teilen. Natürlich versuche ich mich auf das Gute zu konzentrieren. Aber manchmal geht das einfach nicht so einfach. Und das ist etwas, das ich lernen durfte. Dass es komplett und vollkommen ok ist, auch mal unten zu sein. Auch mal unzufrieden und zwider und überfordert zu sein.

Und das mach ich hier auch gerne: mit Gastóns Farbenstäbchen aus der Volksschulzeit spielen. Das beruhigt und macht mich zufrieden

Und warum ich das dann alles mache? Weil ich mich wachsen sehe. Ich sehe, wie ich tagtäglich über mich hinauswachse und die Vorstellungen im meinem Kopf umwerfe, zerstöre und anders und neu wieder aufbaue. Weil ich es mag, gefordert zu werden. Weil es für mich dazugehört, einen Weltblick zu bekommen. Weil es für mich wichtig und sehr aufschlussreich ist, dass ich die Kultur, die Familie, das Land, die Leute, aus denen mein Freund kommt, kennenlerne. Weil das Leben – egal, an welchem Ort ich mich befinde – immer wieder Herausforderungen bergen wird. Und weil ich mit diesen Erfahrungen, die ich hier machen darf, mit den Reflektionen, für die ich hier Zeit habe, mit dem Verständnis fürs anders-als-ich-Sein, das ich hier aufbaue, viel mitnehmen kann in jegliche Lebenslagen. Weil ich weiß, dass alles vorbeigeht – das Gute und das Schlechte, weil ich jetzt hier bin und weil ich mich gegen ganz viele Konventionen (in meinem Kopf) daheim durchsetzen musste, um heute hier sein zu können.

Apropos Kennenlernen von Gastóns Herkunft: Hier ein zuckersüßes Foto von ihm! Ich liebe es!

Morgen gehts ab zu einer Comicconvention mit einem Freund von Gastón, jetzt werden wir unsere Serie auf Netflix weiterschauen und nächste Woche darf ich eine Spielgruppe in der Nachbarschaft besuchen. All das und vieles mehr erwartet euch in der nächsten Folge von „Katharina mag das Reisen trotzdem“.

Ich danke euch fürs Lesen meiner Gedanken.

• K •

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∆ Von den feinen Momenten ∆

Wenn ich von den feinen Momenten schreibe, meine ich zweierlei: Zum Einen die Momente, die gut tun und tief gehen und glücklich machen und einfach fein sind, zum Anderen die Momente, die ihre Besonderheit im Kleinen, im Feinen haben.

Blau blau blau

Feine Momente wahrnehmen und schaffen, das ist gerade meine Devise. Und so bin ich auch auf den Titel dieses Texts gekommen.

Zur ersten Kategorie – den selbstgemachten feinen Momenten – gibt es einiges zu sagen. Die letzte Woche war geprägt von feinen Situationen, Stunden, Tagen. Und diese Momente vermischen sich teilweise mit der zweiten Kategorie feiner Momente.

Am Samstag zum Beispiel waren wir bei dem Konzert einer energievollen, superguten Band: Perotá Chingó. Das sind zwei Frauen aus Buenos Aires, die seit einigen Jahren Musik gemeinsam machen und ich hab zum ersten Mal in Berlin von ihnen gehört. Da hat mir meine liebe Freundin Denise die Band gezeigt und seither hab ich sie immer lautstark gehört. Und zufälligerweise sind die gerade auf Südamerika-Tour und haben in einem Club hier gespielt. Was für eine Freude, solche Musik hautnah zu erleben! Ich hab ein bisschen geweint, weil es mich so berührt hat, dass ich gerade hier sein darf und dass mir so schöne Sachen zukommen.

Hier beim Konzert, bunt und glücklich

Der Sonntag hat gleich nachgelegt mit feinen Momenten – wir waren zu Besuch bei Gastóns Tante und Onkel, haben dort zu Mittag gegessen und ein bisschen über die österreichische Kultur, Politik und was halt hier an Österreich interessant sein könnte, geplaudert. Die feinen Momente zweiter Kategorie – die, die sich zwischen den Zeilen abspielen – waren besonders die Blicke zwischen Gastóns Eltern und mir mit einem Vertrauen und einem Gefühl des Dazugehörens. Bereits nach einer Woche hat sich dieses feine Gefühl herauskristallisiert.

Anschließend haben wir noch eine ganz liebe Freundin von Gastón getroffen – mit der waren wir im Park, haben Mate getrunken und ganz viel geredet. Mate? Was, das habe ich noch gar nicht erzählt? Das Volksgetränk und die große Tradition des Mate in Argentinien! Mate ist ein Teegetränk, das von allen und jederzeit und in allen Umständen getrunken wird. Dabei wird der Yerba (das ist die Pflanze, aus der die Infusion gemacht wird – und es gibt ganz viele verschiedene Sorten) in ein extra dafür vorgesehenes Behältnis gefüllt, fast bis oben voll, danach kommt eine Portion heißes Wasser drauf, dann der Bombilla (das ist ein Strohhalm mit einem Filter unten dran) und dann wird getrunken. Wenn man fertig ist mit der ersten Portion, kommt wieder heißes Wasser drauf und die Tasse wird weitergeben. Und so wird Mate getrunken – meist in einer Gruppe, immer mit einer Thermoskanne mit heißem Wasser. Mate schmeckt – je nach Marke – sehr bis etwas bitter. Für mich gewöhnungsbedürftig, mittlerweile mag ich ihn schon recht gern. Besonders das Ritual gefällt mir so gut!

Hier mit Mate im Park am Fluss

Auch am nächsten Tag haben wir wieder ein Freundin von Gastón getroffen, die hat einen kleinen Sohn und der hat sich – nach kurzen Anlaufschwierigkeiten – so gefreut, dass Gastón wieder da ist. Gemeinsam waren wir am Spielplatz, Gastón und Fermin haben gespielt, Ana und ich haben über Erziehung und Kindergärten und Systeme und das Leben geredet – so ein feiner Nachmittag!

Ein ganz besonderer Tag war der Donnerstag, weil wir da zum ersten Mal ins Stadtzentrum von Buenos Aires gefahren sind und uns dort Zeit genommen haben zum Trudeln und Schlendern. So fein! Und von einer Welt – der Vorstadt, in der wir jetzt leben mit vielen kleinen Häusern und Gärten und wenig Leuten – in die nächste: Großstadtleben mit der weitesten Avenue der Welt, Unmengen an Menschen und Demonstrationen für oder gegen etwas an jeder Ecke, hupenden Autos und Sirenengeheul von den Einsatzfahrzeugen.

Funfact: Ich hab den Obelisk zuerst gar nicht gesehen, hab ihn mir größer vorgestellt. Aber hier pose ich brav als Touristin
Hier mit einer Medialuna – das ist ein kleines Croissant mit Zuckerguss – unglaublich guuuut

Beim Aussteigen aus der U-Bahn ist mit klargeworden, dass ich mich in einer der Metropolen der Welt befinde. Die Häuser, die noch aus der Blütezeit der Stadt stammen, mischen sich mit modernen Geschäften und den Zeichen von Großstadtarmut. Hier am Platz (Plaza de Mayo) vor dem rosaroten Haus, in dem der Präsident arbeitet.

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Das prächtige Haus der Post wurde umgewandelt in ein Kulturzentrum und das haben wir uns näher angeschaut. Beim Betreten hab ich mich gefühlt, wie 200 Jahre zurückversetzt. Die schweren Tische, die hohen Räume, die riesigen Lampen. All das ist erhalten von einer längst vergangenen Zeit. Und direkt daneben befinden sich modernste Kunstinstallationen, ein riesiger Raum, der sich wie schwebend durch die große Halle zieht, Ausstellungen über Musiker, die Geschichte von elektronischer Musik, ein Zelt aus Holz, in dem Klänge und Stimmen gespielt werden. Bunt gemischte Kultur in einem Haus voller Geschichte. Ein ganz besonderes Erlebnis für mich. Hier im Video seht ihr mich herumsausen unter tausenden von bunten Stoffen, ein kultureller Kindsein-Moment.

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Anschließend waren wir auch noch im chinesischen Viertel – und somit wieder in einer anderen Welt. Dort sind die Straßennamen in Chinesisch geschrieben, die Supermärkte verkaufen Schildkrötenfleisch und die Stimmung fühlt sich an, wie auf der anderen Seite der Welt. Faszinierend! Wir haben uns im Supermarkt eingedeckt mit Linsen, Tofu, veganem Käse und anderen Spezialitäten, die wir nur dort kaufen können. Ein feiner Tag, dieser Ausflug in drei verschiedene Welten.

Darf ich vorstellen: Die Touristin!

Die zweite Kategorie – die feinen Momente, die sich manchmal etwas verstecken und gefunden werden wollen, – tragen sich immer wieder zu, jeden Tag.

Die Momente, die ich besonders fein finde, sind die kleinen Augenblicke, wenn ich beim Abendessen mit der Familie dasitze und beobachte. Wenn Gastóns Mama versucht, mir etwas aus ihrer Kindheit zu erzählen und dann so zu lachen beginnt, weil sie sich an etwas Lustiges erinnert und ich einfach mitlachen muss, weil es so ansteckend ist und auch, wenn ich oftmals nicht alles hundertprozentig verstehe. Oder wenn Gastón seinem Papa etwas erklärt und der ihn mit leuchtenden Augen und voller Stolz anschaut und ihm ganz genau zuhört.

Oder wenn wir zum Gemüsegeschäft an der nächsten Ecke gehen und der Verkäufer am gleichen Morgen Papa geworden ist und wir uns neben der Auswahl an Gemüse und Obst die Babyfotos anschauen. Oder wenn wir im Lebensmittelladen an der anderen Ecke sind und der alte Herr, der seit gefühlten 100 Jahren das gleiche Geschäft hier hat, mich ganz genau anschaut und dann anlächelt, weil ich doch nicht ganz so aussehe, wie die meisten Leute hier und weil ich neu hier bin.

ooh unser Frühstück – das ist auch unglaublich fein!

Das sind feine Momente. Die kleinen Momente zwischen den großen.

Mit Gastón habe ich auch ganz viele dieser feinen Momente – wenn wir uns ein paar Stunden über alles Mögliche unterhalten und gar nicht merken, wie die Zeit vergeht. Oder wenn wir am Fluss sitzen, Mate trinken und über die Zukunft sinnieren. Oder wenn wir auf der Terrasse sitzen und gemeinsam Kinderbücher lesen, damit ich Spanisch lernen kann.

Hier ein Buch über verschiedene Formen von Landwirtschaft, sehr brauchbares Vokabular
Bananicecream – Eis aus gefrorenen Bananen mit Kakao und Lavendel mmmhh

Oder wenn wir mit dem Fahrrad durch die Straßen fahren, den Duft von frischen Blumen in der Nase, auf dem Weg zur nächsten Dietetica. Das sind kleine Läden, die gesunde Lebensmittel nach Kilo verkaufen. Und dort gibts auch immer wieder ien paar Schätze für uns zu finden. Gerade letztens waren wir bei der Dietetica um die Ecke und haben mit der Besitzerin geredet, über Österreich und welche Sprache wir da sprechen und dass Argentinien ja so ein schönes Land ist, wenn man die Wirtschaft nicht bedenkt und dass sie sich freut, wenn wir wieder kommen. Ach, so schön, das kleine Großstadtleben hier.

Das ist zwar im China-Supermarkt, aber so ähnlich schauts in den Dieteticas auch aus, nur in klein

Feine Momente nehme ich auch wahr, wenn ich merke, wie anders mein Blick auf manche Dinge ist. Einfach, weil ich in einer anderen Kultur, in einem anderen Land, in einer anderen Familie aufgewachsen bin. Ich merke, wie normal Dinge hier sind, die für mich einfach gar nicht normal sind. Ein Beispiel, damit ihr euch vorstellen könnt, was ich meine: Wenn hier jemand etwas erzählt, ist es völlig normal, die Person zu unterbrechen und die eigenen Gedanken einzubringen. Dadurch, dass das für mich ein Zeichen von Respektlosigkeit ist, mache ich das selbst auch nicht und fühle mich ein bisschen angegriffen, wenn ich unterbrochen werde. Dass es dabei aber nicht darum geht, wichtiger als die andere Person zu sein, sondern darum, dass das Gespräch lebendig bleibt und andere Sichtweisen eingebracht werden, muss ich erst lernen. Und wie viel ich es dann mag, weiß ich jetzt noch nicht. Ich zucke noch jedes Mal zusammen, wenn plötzlich drei Leute lautstark über drei unterschiedliche Themen reden. Und trotzdem wissen anscheinend alle, worum es geht.

Am Fluss – immer wieder schön

Was für mich auch ganz berührende, feine Momente sind, sind die vielen Nachrichten, die ich von meinen Lieben daheim bekomme. Mit ein paar Leuten tausche ich lange Sprachnachrichten aus, mit anderen Fotos und kurze Ich-denk-an-dich-Nachrichten. Es ist so schön, rundherum so viel ehrliches Interesse und Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich liebe diesen Austausch und fühle so viel Dankbarkeit, dass ich, egal wie weit ich weg bin, Momente des Nahefühlens und Teilhabens erleben darf.

Ich sitze übrigens gerade auf der Dachterrasse, hab mir ein Sonnensegel gebaut, weil es jetzt schön langsam wirklich warm wird und denke an all die feinen Momente, die waren – und auch an die, die kommen werden. Ich schau den Blüten beim Wachsen zu, genieße den Wind und bin so, so dankbar für mein Leben.

Mein heutiger Arbeitsplatz

Ich wünsch euch ganz viel feine Momente – große und kleine.

• K •