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Weniger oder Über die Genugtuung.

Ich habe gerade eine Woche des Wenigers hinter mit. Habe wenig getan, wenig gegessen, wenig geschafft. Ich war krank, habe wenig zu tun gehabt. Ja, konnte sogar nur wenig tun. Und ich hatte viel Zeit zum Nachdenken.

Ob weniger immer mehr ist, weiß ich nicht. Oft stimmt es wohl. Und besonders, wenn ich merke, wie durch weniger Sachen/Stress/Arbeit/Gedanken/… etwas mehr Raum bleibt zum Atmen/Leben/Ausbreiten/Sein. Dann, ja dann, ist wohl weniger wirklich mehr.

Ich merke immer wieder, wie ich schön langsam weniger und weniger brauche. Ich brauche weniger Gewand, weniger Dinge, weniger „Action“. Ich will weniger Plastik, weniger jammern, weniger Menschen. Ich gehe hundertmal lieber Obst und Gemüse einkaufen als in ein Gewandgeschäft. Ich gebe Dinge weg, die ich nicht mehr verwende und entscheide mich ganz oft bewusst für einen langsamen Spaziergang und einen ruhigen Abend daheim.

Ich schreibe hier einen ziemlichen langen, ausgiebigen Text. Wahrscheinlich, weil ich paradoxerweise zu diesem Thema so viel zu sagen habe. Weniger und mehr. Wie relativ!

Besonders jetzt im Advent habe ich mir eine Sache sehr zu Herzen genommen: Das Ausmisten. Das Wenigermachen von Unnötigem. Das Weggeben und Platzschaffen.

Ich habe dieses Jahr einen umgekehrten Adventkalender: Jeden Tag gebe ich (mindestens) eine Sache weg, die ich nicht mehr brauche. Dabei können das Kleidungsstücke, Schmuck, Deko-Klimbim, Bücher, Küchenutensilien,… sein. Alles, von dem ich keinen Gebrauch mehr mache. Alles, das ich nicht unbedingt brauche – alles, von dem Frau Kondo sagen würde, dass es für mich keine Freude (mehr) versprüht.

Und oh! Tut das gut! Jeden Tag gehe ich ganz bewusst durch mein Haus und schaue die Dinge mit anderen Augen an: Ist das, was ich sehe, noch gut/wichtig/schön für mich? Brauche ich dieses oder jenes wirklich? Und wenn die Antwort – und die kommt meist ganz schnell – nein ist, dann kommt es in die Flohmarkt-Kiste.

Ein Begriff, der mir in diesem Kontext auch immer wieder einfällt, ist „frugal“. Dieses Wort bedeutet soviel wie „bescheiden“, „einfach“, „genügsam“ und kann in unterschiedlichen Situationen angewendet werden. Nicht viel brauchen zum Leben. Genug haben können. Und wissen, was einem/r wichtig ist. Das ist frugal.

Ich bin so dankbar, dass diese Lebensweise so mit meiner Einstellung, meinen Überzeugungen, meinem kleinen, friedlichen Dasein zusammenpasst. Ich freue mich, dass es mir auch von vielen Seiten ermöglicht wird, dass ich so leben kann.

Weniger. Was für eine Genug-Tuung.

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Die normale Norm

Wir gehen durch die weihnachtlich geschmückten Räume eines Einkaufscenters und erfreuen uns an Porzellantässchen, Glitzerserviettchen und Kunstblümelein. In dem Moment, als ich vom Plastikgeruch dieser unechten Schönheiten etwas widerwillig zurückschrecke, sehe ich meinen (argentinischen) Mann mit Glitzern in den Augen: Es riecht nach Weihnachten!

Während ich nicht verstehe, wo doch Tannenzweige und Weihrauch weit entfernt sind, erzählt er mir vom Plastikbäumchen und der Kiste, die sie jeden Sommer – zu Weihnachten eben – aufmachten und mit deren Inhalt sie das Haus schmückten.

Uh. Uh. Uh. Jetzt kommt es mir. Das, was ich unter anderem mit Weihnachten verbinde – kalt, gemütlich, Tannenzweigegeruch und Lebkuchen – ist noch lange nicht das, was er damit verbindet. Für mich ist es so normal, wie nur irgendwie möglich. Und so ist es auch für ihn.

Normal. In der Norm. Das, was wir kennen und als gut und „weils eben so ist“ abstempeln, das ist normal. Und da gibts dann auch nicht viel anderes, weil in so einer Norm, da hat nicht so viel Platz.

Normal ist, dass Weihnachten nach Tannenzweigen riecht. Normal ist, dass es dann auch kalt ist. Normal ist, das zu tun, was sich gehört. Normal ist, lieber ruhig zu sein, als zu laut. Normal ist, angepasst und brav zu sein. Normal ist, Fleisch zu essen. Normal ist, nur die männliche Form zu nennen und normal ist auch, sich als Frau damit immer angesprochen zu fühlen. Normal ist, einfach zu tun und nicht so viel nachzufragen. Normal ist, das zu tun, was die meisten tun. Weils die meisten schon wissen werden, sonst wärs ja nicht so.

Normal. Ein weites, aber scheinbar nicht sehr breites Feld. Normal. Dass ich da oft nicht mitmache, ist nicht so normal. Dass mir Dinge auffallen, dass ich Dinge anspreche und Dinge hinterfrage, ist nicht so normal.

Norm. Normal. Hat wohl viel mit dem zu tun, wo (und bei wem und mit wem) ich mich gerade befinde. Normal.

Mal ganz spannend, darüber nachzudenken, was denn in unserer aller Leben „normal“ ist. Vielleicht ists nämlich an der Zeit, diese Norm breit genug für uns alle zu machen…