Worum geht es eigentlich?

Edition LEUCHTFENSTER

Wenn ich vorlese, bespiele ich einen Raum. Da sind kleine und große Erwartungen in kleinen und großen Köpfen. Manche treffe ich, manche kenne ich nie. Manche werden mir ohne Nachfragen um die Ohren geschmettert. Da begeistere und enttäusche ich. Meist das Erstere.

Wenn ich vorlese, geht es um meine Stimme, doch mehr um meine Stimmung. Wenn ich müde bin, dann merken sie das. Wenn ich aufgeregt bin, dann auch. Stimmt etwas mit meiner Stimmung nicht (was heißt das?), hängt sich das beim Lesen an. Dann kann ich nicht aufnehmen, was passiert und verpasse die Verbindung. Bei mir zu sein, ist also energiesparend und verbindend gleichzeitig.

Wenn ich vorlese, geht es um den Moment. Der ist nie lange, aber immer roh. Der Moment, in dem die Kinder den Raum betreten. Mich anschauen, ich sie, wir uns begrüßen. Der Moment, in dem ich sie vor mir sehe, mit ihren wachen, offenen Augen. Sie in meine aufgeregten Augen blicken und mich unwissentlich mit ihrer Anwesenheit beruhigen. Der Moment, in dem ich starte und sie bei mir weiß. Der Moment, in dem ich pausiere – und warte. Sie zu Wort kommen lasse. Um den Moment, darum geht es immer.

Wenn ich vorlese, lasse ich mir die Wörter manchmal auf der Zunge zergehen. Denn das, was ich gerade lese, was die Kinder gerade hören, das gab es einmal nicht. Das musste ich erst erfinden, in meinem Kopf, in meine Hände bringen, zu Papier bringen. Das musste erstmal hinaus in die Welt, um das zu werden, was es jetzt ist.

Wenn ich vorlese, geht es nicht um den vollen Raum, den Ruhm oder die tobenden Reihen. Da gehts um die Tatsache, dass die Idee zur Wirklichkeit werden kann, wurde, geworden ist. Dass es wert ist, weiterzudenken, ja zu träumen, so groß zu träumen, dass es alle Rahmen sprengt.

Und da geht es um jeden einzelnen Menschen, der mir diese Bühne schenkt, seine Zeit mit mir teilt und über das Leuchten nachdenkt.

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