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Hand aufs Herz

Es ist ein nasswarmer Tag. Durch die Waldluft fühle ich mich ganz wach, ganz da. Sie Sonne schafft es wie Glitzer durch die Baumwipfel, der Boden ist nass, weich und grün. Ich gehe. Das Wasser plätschert neben mir, die fernen Vogelgezwitscher hallen durch den Wald. Da oben, weiß ich, wird es sein. Doch was mich erwartet, übertrifft jede Erwartung.

Schnaufend komme ich an. Gehe noch ein paar Schritte näher. Dann stehe ich da. Meine Augen sind weit offen und mein Mund, der ist es auch. Wie versteinert stehe ich da, bewege mich nicht – schaue nur. Ich sehe etwas, das mich zutiefst berührt. Etwas, das mich still sein und innerlich fast bersten lässt. So stehe ich also da, merke, dass das etwas ganz Großes ist und lege mir die Hand aufs Herz.

Kann mein Gefühl nicht beschreiben, merke aber, dass ich in solchen Momenten fast automatisch meine Hand aufs Herz lege, meine zweite Hand lege ich dazu und so stehe ich dann da. Verbunden mit dem, was vor mir liegt. Verbunden mit mir selbst.

Was ich sehe, ist Wasser. Ein grünblauer Waldsee, irgendwo in den Bergen. Was ich sehe, ist die Spiegelung jeden Baumes und Berggipfel im flachen, ruhigen Wasser. Was ich sehe, ist das satte Grün, das sich mit der Farbe des Wassers zu einer Wohltat für die Sinne entwickelt. Was ich sehe, ist das kleine Boot, das in einer morschen Holzhütte leicht hin und her schaukelt. Was ich sehe, ist die Ruhe, die Stille, den Frieden dieses Ortes.

Was ich sehe, ist mich selbst – mit meinen Händen am Herz. Ich, die mein Glück kaum fassen kann und es zu fassen versucht, indem sie ihre Hände schützend vor dem Auslaufen über ihr Herz hält. Ich, deren Herz schnell und gleichzeitig so ruhig ist. Ich, deren Hände warm werden, deren Atem tiefer und deren Glück sich langsam festsetzen lässt. Ich, die ihr Herz zu berühren versucht, weil sie vom Außen so berührt ist.

So stehe ich also da. Sehe diesen See vor mir und weiß, dass das einer der magischsten Orte ist, die ich je gesehen habe. Dass ich hier ehrfürchtig bin, der Natur gegenüber, dass hier die Zeit stillzustehen scheint.

Hand aufs Herz. In Momenten, die so berühren, die so verzaubern, die so wunderbar schön sind. Hand aufs Herz, beim Staunen und Innehalten, beim Wachsein und Aufsaugen, beim Dankbarsein und Fastüberlaufen.

Hand aufs Herz. Verbunden mit dem Schönen, verbunden mit mir selbst.

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Erdbeerzeit

Es ist Erdbeerzeit. Oder zumindest war sie bis vor Kurzem. Und jedes Jahr, wenn Erdbeerzeit ist, dann hab ich diesen Gedanken – und heute teil ich ihn mit euch.

Also wenn Erdbeerzeit ist, dann liebe liebe liebe ich es, so viele Erdbeeren, wie nur irgendwie möglich zu essen. Ich liebe den Duft, ich liebe den Geschmack, ich liebe, wie diese süßen Früchtchen aussehen – und ich liebe sie als Ganzes, weil mich ihr Sein an den Sommer erinnert.

In dieser Zeit, in der es überall Erdbeeren gibt, da haben sie den besten Geschmack und den besten Preis. In der Erdbeerzeit, da sollte man Erdbeeren essen (sofern man sie mag, eh klar).

Dann, wenn die Erdbeerzeit ist, gibt es so viele, dass man sie manchmal einkochen muss und sie für später hat, wenn die Erdbeerzeit vorbei ist. Ich persönlich mag ja Erdbeermarmelade nicht wirklich, aber ich versteh den Gedanken dahinter.

Also, was jetzt wie eine Marktstandl-Beschreibung im Gartenmagazin klingt, hat einen tieferen Sinn. Und den möchte ich euch gerne erzählen.

Ich denke mir in dieser Erdbeerzeit immer, dass es so wunderbar ist, dass es so eine Fülle von etwas geben kann. Und dass es diese Zeit gibt, in der der Geschmack und das Genießen dieser Früchte so gut und so einfach ist. Ich denke mir auch, dass wir eine Sache genau in dieser Zeit, wenn sie so vorhanden und lokal und frisch und leicht ist, genießen sollen. Und das in vollen Zügen und am besten in jedem sich anbietenden Moment.

Dass es großen Sinn macht, das Gegebene in vollen Zügen auszukosten, zu genießen und zu verwenden, das denk ich mir. Es hat etwas damit zu tun, die Ressourcen wahrzunehmen, das Momentane zu feiern, das Leichte anzunehmen. Und es geht darum, den richtigen Moment zu erwarten.

Denn in manchen Momenten passt es eben genau nicht. Wie Erdbeeren im Winter.

Einmachen und für später verwenden ist natürlich auch praktisch – so hat man den Geschmack (zwar in veränderter Form, aber immerhin die Idee davon) auch in Momenten, in denen diese Fülle nicht vorhanden ist. Und so kann man es vielleicht auch mit anderen Früchten und im übertragenen Sinne tun (sofern man nicht vergisst, sie in ihrer frischen Form auch zu genießen, denn das wäre schade).

Also lange Rede – Erdbeeren sind super und am besten schmecken sie in der Erdbeerzeit. Nämlich dann, wenn sie wachsen und gedeihen und wenn es sie in Fülle gibt. Und so ist es auch mit dem Leben – wenn es leicht geht und wenn sich die Fülle anbietet, dann können wir aus dem Vollen schöpfen. Dann sollten wir zugreifen und den Moment auskosten. Bis zur letzten Erdbeere.

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Dazwischen

Immer wieder
und wieder
und wieder
glauben wir,
dass es nur zwei Seiten gibt.

Entweder.
Oder.
Dazwischen nichts.

Schwarz.
Weiß.
Dazwischen nichts.

Gut.
Schlecht.
Dazwischen nichts.

Immer
und immer wieder
müssen wir entscheiden.

Für.
Gegen.
Nichts dazwischen.

Die eine Seite.
Die andere Seite.

Ein Gefühl.
Ein anderes Gefühl.
Nichts dazwischen.

Und wenn wir
so weitermachen
dann wird es nur
zwei Seiten geben
und keine Seite mehr
als sie.

Wenn wir glauben
dass es immer nur
das eine
das andere
die einen
die anderen
gibt,
dann wird es still
dazwischen.

Zwischen
den zwei Seiten
verstecken sich
die Farben
die Echtheit
die Leichtigkeit
die Schwere.

Zwischen
den zwei Seiten
spielen
das Leben
die Wirklichkeiten
die Gefühle
wir.

Bunt ist es nur
dazwischen.
Gefühlt wird nur
dazwischen.
Erschaffen, kreiert, gezaubert wird nur
dazwischen.
Geliebt, gelitten, genossen wird nur
dazwischen.

Dazwischen
ist viel Platz
ist viel Raum
ist viel Weite.

Dazwischen
ist mehr.


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Meine eigene Stille

In den letzten Jahren bin ich ruhiger geworden. In vielen Hinsichten. Ruhiger im Tun und ruhiger im Sein. Ruhend, in mir und dem, was gerade ist. Nicht immer, nicht überall. Doch im Gesamten.

Ich habe gelernt, dass ich viel öfter zuhören muss, um die Sache besser zu verstehen. Dass es ganz oft nicht um meine Meinung, meine Ideen oder meine Ratschläge zur erzählten Situation geht. Dass ich zuhöre und trotzdem nur einen kleinen Teil dessen verstehe, was wirklich los ist. Auch das habe ich gelernt. Oder besser gesagt: Lerne ich immer wieder.

Ich lerne immer noch, diese Stille zu genießen. Meine eigene Stille. Ich lerne immer noch, auf Fragen zu antworten und nicht auf Aussagen. Ich lerne immer noch, dass ein Zuhören kein Antworten impliziert. Dass mein Stillsein nicht Nichts ist.

Wie laut ich manchmal war, denk ich mir heute. Wie oft ich gemeint habe, zu wissen und zu verstehen – doch eigentlich lieber mich selbst reden hören wollte. Und wie wichtig das für mich war. Ist es auch heute noch, in manchen Momenten. Doch immer wieder und immer mehr merke ich, dass ich ruhiger werde und mich und meine Ideen zurückhalten kann – und sollte.

Natürlich schreibe ich an dieser Stelle von mir und meinen Ideen. Doch in der Welt da draußen versuche ich, mehr darauf zu hören, was gesagt wird. Anstatt, was ich hören möchte. Ich versuche, zu differenzieren, was mir mein Gegenüber mitteilt und was das Gesagte dann mit mir macht. Denn das sind immer zwei Welten, zwei Sichten, zwei Paar Schuhe.

Und wenn ich ruhig(er) bin, dann kann ich auch besser zuhören. Wenn ich meine eigene Stille aushalte, lerne ich nicht nur über die anderen, ich erfahre viel über mich selbst. Warum es mich manchmal fast zerreißt und ich trotzdem nichts dazu sagen sollte. Warum es Dinge gibt, die man selbst verstehen muss und es auch nichts bringt, wenn ich meine Sicht dazugebe. Warum ungefragter Rat in alle Richtungen, außer in die der Hilfestellung, losschießt. All das lerne ich, wenn ich meine eigene Stille zulasse.

Und diese Stille ist in vielen Momenten angebracht. Und in manchen nicht. In manchen muss man laut sein und dem eigenen Pathos nachgeben. Doch in vielen, vielen Situationen da hilft es mehr, zuerst einmal zuzuhören und genauer hinzuschauen und hinzuhören, um vielleicht wie durch ein Guckloch das große ganze Bild erkennen zu können.

Inspiriert wurde ich vom Buch “Pathos” von Solmaz Khorsand. Immer wieder wichtig, aus dem eigenen Gedankenkarussell auszusteigen.

Die eigene Stille muss man erst mal aushalten. … sagte sie und schrieb für die Öffentlichkeit … Ha.

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Diese Momente sind es

Wenn wir so nebeneinander her leben, uns in Gesprächen nicht zuhören. Wenn du sprichst und ich bereits an den nächsten Schritt, die nächste Sache denke. Wenn ich spreche und du am Handy bist und wir uns nicht einmal anschauen. Diese Momente sind es nicht.

Wenn wir geschäftig sind und beide unsere eigenen Sachen zu tun haben, dazwischen kurz essen, am Abend kurz fernsehen. Gemeinsam zwar, aber nicht wirklich beisammen. Diese Momente sind es nicht.

Wenn wir beide müde sind, fertig von all den Dingen, die das Leben so bringt. Wenn wir erschöpft sind und über unsere Belastbarkeit hinaus handeln. Und uns anschauen, aber nicht sehen. Diese Momente sind es nicht.

Wenn wir aber merken, dass wir stoppen müssen – egal, was wir tun. Weil wir uns schon zu lange nicht wirklich umarmt haben. Weil wir schon viel zu lange kein Gespräch geführt haben und viel zu oft andere Dinge wichtiger werden lassen haben. Wenn wir also stoppen und die Handys weglegen, den Computer, die Arbeit, den Kopf ausschalten, den Fernseher nicht einmal in Betracht ziehen. Wenn wir uns dann also endlich sehen und uns füreinander interessieren, uns einlassen, uns ansehen und wirklich sehen dabei. Dann sind es diese Momente.

Wenn wir die To-Do-Listen professionell ignorieren, die Küche unaufgeräumt lassen und die Türe für alles von außen Kommende verschließen. Dann gibt es nur uns zwei. Und diese Momente sind es.

Wenn wir unser liebstes Spiel spielen, wie auch immer dieses aussehen mag. Heute war es Lego. Letztens gemeinsam singen. Ein anderes Mal wieder etwas ganz Besonderes kochen – gemeinsam. Wenn wir uns zuhören, ganz nahe sind und diese Nähe sich in vielen Facetten äußert. Diese Momente sind es.

Wenn wir in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen, uns unsere gemeinsame Zukunft ausmalen und uns im gemeinsamen Gegenwartsmoment darüber und darauf freuen. Diese Momente sind es.

Diese Momente sind es, die uns ausmachen. Die uns beisammen und zusammen bleiben und wachsen lassen. Die unseren Alltag unterbrechen und uns zeigen, was wir füreinander sind. Diese Momente können Momente bleiben, können Minuten, Stunden, Tage werden. Und diese Momente, die dürfen wir nicht vergessen.

Die anderen Momente sind wichtig, das Alleinesein, das Tun, das Schaffen. Doch im Gemeinsamen sind die anderen Momente kostbarer. Und im Leben sind es wohl diese Momente, auf die wir zurückschauen, die uns Kraft geben und auffangen.

So, wie du das jeden Tag machst. Denn diese Momente, daran erinnerst du mich immer immer wieder, sind es, die uns zu uns machen.

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Über zwei Spielerinnen im selben Spiel

Es gibt zwei Spielerinnen im selben Spiel –
sie haben wenig miteinander zu tun und doch so viel.
Die eine gibt und träumt und schafft,
während der andere nimmt und nicht viel macht.

Die eine geht nach außen und hat viele Formen,
der andere geht nach innen, überkommt wenig Normen.
Beide sind wichtig und schön und gut,
doch vor dem anderen, seid auf der Hut.

Die zwei Spielerinnen, das sei gesagt,
wären ohne einander bestimmt oft verzagt.
Mehr braucht der andere die eine bestimmt,
doch ohne einander hätt es auch nicht gestimmt.

Wenn ich so nachdenke, dann kommt mir vor,
die eine kann warten und schaut leise empor,
während der andere oft schreit und sich behaupten muss,
viel zu viel gibt es schon von ihm, das ist ein Verdruss.

Welche Teile im selben Spiel ich meine?
Das sei gesagt: Kreation ist die eine.
Die, die gibt und schafft und zeigt.
Die, die warten kann und die, die bleibt.

Und die andere Seite dieser Gleichung,
lebt ganz leicht auch ohne unser Zutun.
Gerade im Moment betreiben wir sie zu viel,
und so macht es bald nicht mehr Freude, dieses Spiel.

Der Kreation gegenüber steht ganz klar
der Konsum auf seiner Seite da.
Doch vergehend und manchmal leer wie der Rauch,
verhält es sich leider auch mit dem Verbrauch.

Nun können wir viele Dinge konsumieren,
doch wenn wir Ware, Nahrung, Mittel, Kunst kreieren,
anstatt es zu verbrauchen,
dann werden wir merken, wie viel wir wirklich brauchen.

Ich hab den Konsum als etwas Schlechtes dargestellt,
doch fürcht ich, so gehts nicht nur mir in der Welt.
Viel zu viel wird verbraucht und verschwendet,
und wenn man sich wieder mehr der Kreation zuwendet,
können schöne Sachen entstehen
und die zu füllende Leere und Frust vergehen.

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Nichts darf es nicht sein.

Es rüttelt mich. In meinem Bauch zieht sich alles zusammen. Habe Tränen in den Augen. An sich bei mir ja nicht so was Außergewöhnliches. Und doch. Denn wieder einmal stehe ich vor dieser riesengroßen Wand an Unverständnis. Vor diesem Haufen an Ignoranz und Unwissen. Vor dieser riesengroßen Tür, hinter der sich immer mehr erschreckende Fakten versammeln.

Ich stelle fest, dass ich lange Dinge voneinander isoliert betrachtet habe. Nicht, weil ich mich nicht informiert hätte. Hab ich ja, solange es bequem war. Weil ein tieferes Verständnis mit immer mehr tiefergehenden Änderungen einhergehen hätte müssen.

Wovon ich hier schreibe? Was ich meine und welcher heiße Brei es ist, um den ich hier herumrede? Umweltschutz. Artenvielfalt. Karnismus. Feminismus. Menschenrechte. Kapitalismus. Egozentrik. Klimakrise. Ökologischer Fußabdruck. Autofahren. Plastikmüll. Und viele mehr. Viele.

All diese großen, mit unendlichen Inhalten gefüllten Schlagworte sind miteinander verbunden. Und das enger, als wir es glauben möchten. Was diese Begriffe eint, ist vor allem, dass Systeme dahinterstecken. Dass es systematisch falsch rennt, was da so rennt. Dass es um Macht geht, anstatt um Schutz. Dass es um Geld geht, anstatt um einen etwas gewagteren Blick in eine Zukunft für uns alle. Es geht um Angst, es geht um Verlust und es geht um Veränderung – die wir nicht bereit sind, einzugehen. Es geht um Bequemlichkeit, um Überlegenheit und um die Frage, ob das nicht alles sowieso übertrieben ist.

Was war ich naiv! Welche neuen Welten und Zusammenhänge sich da jetzt auftun, richtig spannend! Und Zeit wars! Und falls ihr diesen Text lest und euch denkt, was ihr genau tun könnt, damit meine (und eure (Enkel-)) Kinder noch auf der Erde leben können: informiert euch! Fangt bei einem beliebigen Thema der Auswahl oben an und ihr werdet sehen, wie eng verknüpft sie alle sind. Und was ihr dann damit macht, das werdet ihr sehen. Nichts wird es nicht sein. Nichts darf es nicht sein.

Was mich gerade jetzt wieder mal so wachgerüttelt hat, ist der Film “Seaspiracy“. Sehenswert, allgemeinbildungstechnisch.

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Das ist doch nicht normal!

Über die Norm denk ich grad viel nach. Über Normen in all den verschiedenen Farben und Formen. Und was sich da so schön reimt, ist oft gar nicht wie ein Gedicht.

Wir glauben oft zu meinen, dass wir wissen, wie sich etwas gehört. Wie es normal ist. Wie es alle machen und erleben. Und vergessen dabei eine wichtige Sache: Dass wir alle unterschiedlich sind, nämlich.

Dass wir unterschiedliche Körper haben, unterschiedliche Gedanken, unterschiedliche Geschichten, unterschiedliche Hintergründe, unterschiedliche Vorstellungen, unterschiedliche Motive, unterschiedliche Sichtweisen und unterschiedliche Wahrnehmungen.

Dann von einer Norm, einem Normal, zu sprechen, ist ganz schön anmaßend. Es ist sogar gefährlich, kann täuschen und enttäuschen, kann auf falsche Fährten führen und kann vor allem eines: etwas als die einzig mögliche Möglichkeit suggerieren.

Dass sich das nicht ausgeht, ist irgendwie klar. Dass es da mehr geben muss, sollte auch klar sein. Ist es aber nicht. In Gesprächen komme ich immer wieder drauf, wie oft wir den Begriff “normal” in unterschiedlichsten Kontexten immer noch verwenden. Vielleicht gibt uns das Sicherheit. Vielleicht ist es auch einfacher, an eine Welt zu glauben, ja regelrecht daran festzuhalten, die scheinbar normale Menschen (Ansichten, Sichtweisen, Geschichten, Erfahrungen etc.) bereithält.

Was ich jedenfalls immer wieder feststelle, ist, dass das Enttäuschen – also die Täuschung wegnehmen, ent – täuschen – groß ist, wenn wir draufkommen, dass es ja ganz “normal” ist, dass etwas “nicht normal” gelaufen ist.

Dass es wichtig ist, sich auf etwas zu verlassen, verstehe ich. Dass diese Normen und Normalitäten uns etwas zum Festhalten geben, das ist auch verständlich. Doch je fester wir uns daran festkrallen, desto unsicherer wird es. Desto kleinkarierter, desto menschenfeindlicher, desto engsichtiger wird die ganze Sache auch. Es gibt Normen, die falsche Hoffnungen schüren, uns im Stich lassen, wenn wir uns mit genügend Menschen austauschen und die einfach nicht gut sind für uns. Das trau ich mir wirklich so zu sagen.

Ich frage mich, ob es nicht an der Zeit wäre, diesen Begriff aufzubrechen, niederzubrechen und uns mit dem auseinanderzusetzen, das ist, statt mit dem, das sein sollte.

Das ist ja nicht normal. Stimmt. Vielleicht ganz gut so.

achtsam · nachhaltig · selbstliebend

Wütende Gedanken

Manchmal, da bin ich so wütend.

So wütend, dass ich gar nicht mehr weiß, wo hinten und vorne ist. So wütend, dass ich all die Ich-Botschaften, Kommunikationsregeln und Empathiestrategien komplett vergesse. So wütend, dass ich so spreche, wie ich es nicht wollen würde, dass mit mir gesprochen wird. So wütend. Und das nicht mal wegen einer großen Sache.

Es ist mir peinlich, so wütend zu sein. Es ist anstrengend und es tut mir weh, wenn ich durch mein Wütendsein andere verletze. Es ist unangenehm und bringt im Nachhinein nicht mal wirklich eine Veränderung mit sich.

Wenn ich dann wieder klar denken kann, werde ich ruhig. Unsicher und in mich gekehrt. Wenn ich dann wieder klar denken kann und die Wut sich verflüchtigt hat, kann ich das, was vorher wütend aus mir heraus explodierte, plötzlich verstehen und anders formulieren.

Eines der Dinge, die mich in diesem Kontext besonders stutzig gemacht haben, ist, dass ich es doch besser wissen sollte. Dass ich mich doch so viel mit mir, meiner Sprache und meinem Verhalten auseinandersetze. Dass ich doch eigentlich weiß, worum es in den Konflikten geht. Dass ich doch eigentlich verstehen kann, wo die wirkliche Krux an der Sache liegt. Es macht mich stutzig und nachdenklich, dass ich nach all den Jahren der Selbstreflexion, des Wachsens, des Hineinhörens, des Kennenlernens neuer Ansichten, Meinungen und Welten immer noch so ungehalten, aggressiv und abwertend reagiere auf manche Situationen.

Und dann hatte ich diesen Gedanken. Diesen befreienden, diesen selbstfürsorglichen, diesen akzeptierenden Gedanken: Die Frage ist nicht, warum ich nicht wo anders stehe, nach all diesem Empathie-Selbstliebe-Bewusstseins-Reflexions-Metaebene-Bootcamp der letzten Jahre. Die Frage ist, wo würde ich stehen, hätte ich all das nicht gelernt, erfahren, ausprobiert, erlebt, dazugelernt?

Ich darf diese Frage in mir beantworten. Denn ich merke, dass ich schneller aus der Wut wieder in einen klaren Zustand komme. Dass ich es mittlerweile auch mal schaffe, mich zurückzunehmen und die Sache nicht größer zu machen, als sie ist. Dass ich mir beim Hineinwirbeln in die Gedanken auch Hilfe holen kann, um wieder herauszukommen, auch das habe ich lernen dürfen.

Viele Dinge haben sich verändert. Und dass ich immer noch wütend werde, finde ich gar nicht mehr so schlimm. Ich merke sogar, dass es nicht darum geht, nicht mehr wütend zu werden, sondern vielmehr darum, wie ich damit umgehen kann. Und damit werd ich immer besser, das ist ja schon mal was.

achtsam · allgemein · nachhaltig

Warum ich ab jetzt nicht mehr überall mitrede

Ich lerne gerade sehr viel. Wenig davon steht in Büchern, wenig bis gar nichts.

Ich lerne gerade, mich zurückzuhalten. Vor allem mit meinen Meinungen, Einschätzungen und allen voran mit meinen Worten.

Ich lebe dieses kleine Leben. Ein sehr schönes, angenehmes, einfaches, ruhiges, sicheres Leben. Und ich lerne jeden Tag mehr, was es heißt, all das nicht zu leben. Ich lerne jeden Tag, dass es so (SO) viele Dinge, Situationen und Geschichten gibt, die ich nicht nachempfinden kann. So viele Schicksale, Entscheidungen und Hintergründe, die nicht meine sind.

Wo ich das lerne? Wo ich auf einmal mit Geschichten in Berührung komme, die ich bisher nicht einmal gedacht habe, dass sie existieren? Auf den sozialen Medien. Ja. Wirklich. Dort sehe ich immer wieder Dinge, die mich staunen, wundern, aufmachen und nachdenken lassen.

Bevor ich mich beispielsweise auf Instagram angemeldet habe, habe ich geschimpft darüber. Hab es verurteilt, hab es abgestempelt und meinte, zu wissen, wovon ich sprach.

Und wie eine Linie, die sich durchzieht, habe ich festgestellt, dass genau das eine Metapher für so vieles ist, das ich auf Instagram lese, sehe und eben lerne. Bevor ich überhaupt gewusst habe, was dieses neue Medium kann, habe ich mich weit, weit hinausgelehnt aus dem Fenster der Urteile.

Ich weiß, ich weiß. Das hat niemandem geschadet und es gibt auch wirklich viel Blödsinn auf dieser (und anderen) Plattformen. Doch dieses Eintauchen und Kennenlernen von ganz neuen Ansichten, Geschichten und ja, eben auch Schicksalen, ist für mich eine ganz große Bereicherung.

Denn bei so vielem kann ich einfach nicht mitreden. Ich kann nicht nachempfinden, nicht nachfühlen, nicht nachahmen und daher eben ganz oft einfach auch nicht mitreden.

Für mich ist das ein äußerst großer Lerngewinn. Wie oft ich gemeint habe, eine Meinung haben zu müssen. Wie oft ich geurteilt habe, ohne im geringsten zu wissen, wie sich manche Dinge anfühlen. Wie oft ich Ratschläge, Tipps und gutgemeinte Worte von mir gegeben habe, in der Annahme, dass ich damit irgendjemandem helfe.

Doch ich kann bei vielen Dingen einfach nicht mitreden. Wenn es bis jetzt noch zu abstrakt war, dann gebe ich gerne ein paar Beispiele, bei denen ich einfach nicht mitreden kann:

  • Beim Thema (unerfüllter) Kinderwunsch, Schwangerschaft und Muttersein.
  • Beim Thema Rassismus (im Sinne von betroffen davon – denn ich war noch nie in meinem Leben selbst davon betroffen.)
  • Beim Thema Migrations- und Fluchterfahrung. Auch da habe ich weder einen persönlichen Einblick, noch irgendwelche eigenen Erlebnisse.
  • Beim Thema Armut. Ich habe noch nie in Armut gelebt, kann es mir dementsprechend wenig vorstellen, was das wirklich bedeutet.
  • Beim Thema Krieg, Gewalt oder Missbrauch. Auch das sind Themen, mit denen ich bisher glücklicherweise keine Erfahrungen gemacht habe.
  • Beim Thema schwere Krankheiten (psychisch und physisch). Auch hier sind meine Kontaktpunkte äußert dünn.

Und das ist nur eine kleine Zusammenfassung von Dingen, bei denen ich am besten mehr zuhöre, als selbst zu sprechen.

Doch ich möchte hier eines klarstellen. Dass ich nicht mitreden kann, heißt, dass ich am besten zuhöre, lerne und meine Schubladen weit aufmache. Dass ich nicht mitrede, heißt nicht, dass ich mich nicht einsetzen kann für etwas oder Menschen, die mit solchen Päckchen leben (müssen), unterstützen kann. Dass ich nicht mitreden kann, heißt, dass ich meine Worte vorsichtig wähle. Mit Bedacht und nicht mit Gutgemeintheit. Dass ich nicht mitreden kann, heißt nicht, dass ich keine Meinung habe. Es bedeutet, dass ich mir meine Meinung durch Umsicht und Zuhören, durch Aufmachen und durch Erfahrung bilde. Und vor allem, dass ich sie mir nicht zu voreilig bilde, meine Meinung.

Denn bei vielem, ja bei vielem, kann ich einfach nicht mitreden…