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∆ Von den feinen Momenten ∆

Wenn ich von den feinen Momenten schreibe, meine ich zweierlei: Zum Einen die Momente, die gut tun und tief gehen und glücklich machen und einfach fein sind, zum Anderen die Momente, die ihre Besonderheit im Kleinen, im Feinen haben.

Blau blau blau

Feine Momente wahrnehmen und schaffen, das ist gerade meine Devise. Und so bin ich auch auf den Titel dieses Texts gekommen.

Zur ersten Kategorie – den selbstgemachten feinen Momenten – gibt es einiges zu sagen. Die letzte Woche war geprägt von feinen Situationen, Stunden, Tagen. Und diese Momente vermischen sich teilweise mit der zweiten Kategorie feiner Momente.

Am Samstag zum Beispiel waren wir bei dem Konzert einer energievollen, superguten Band: Perotá Chingó. Das sind zwei Frauen aus Buenos Aires, die seit einigen Jahren Musik gemeinsam machen und ich hab zum ersten Mal in Berlin von ihnen gehört. Da hat mir meine liebe Freundin Denise die Band gezeigt und seither hab ich sie immer lautstark gehört. Und zufälligerweise sind die gerade auf Südamerika-Tour und haben in einem Club hier gespielt. Was für eine Freude, solche Musik hautnah zu erleben! Ich hab ein bisschen geweint, weil es mich so berührt hat, dass ich gerade hier sein darf und dass mir so schöne Sachen zukommen.

Hier beim Konzert, bunt und glücklich

Der Sonntag hat gleich nachgelegt mit feinen Momenten – wir waren zu Besuch bei Gastóns Tante und Onkel, haben dort zu Mittag gegessen und ein bisschen über die österreichische Kultur, Politik und was halt hier an Österreich interessant sein könnte, geplaudert. Die feinen Momente zweiter Kategorie – die, die sich zwischen den Zeilen abspielen – waren besonders die Blicke zwischen Gastóns Eltern und mir mit einem Vertrauen und einem Gefühl des Dazugehörens. Bereits nach einer Woche hat sich dieses feine Gefühl herauskristallisiert.

Anschließend haben wir noch eine ganz liebe Freundin von Gastón getroffen – mit der waren wir im Park, haben Mate getrunken und ganz viel geredet. Mate? Was, das habe ich noch gar nicht erzählt? Das Volksgetränk und die große Tradition des Mate in Argentinien! Mate ist ein Teegetränk, das von allen und jederzeit und in allen Umständen getrunken wird. Dabei wird der Yerba (das ist die Pflanze, aus der die Infusion gemacht wird – und es gibt ganz viele verschiedene Sorten) in ein extra dafür vorgesehenes Behältnis gefüllt, fast bis oben voll, danach kommt eine Portion heißes Wasser drauf, dann der Bombilla (das ist ein Strohhalm mit einem Filter unten dran) und dann wird getrunken. Wenn man fertig ist mit der ersten Portion, kommt wieder heißes Wasser drauf und die Tasse wird weitergeben. Und so wird Mate getrunken – meist in einer Gruppe, immer mit einer Thermoskanne mit heißem Wasser. Mate schmeckt – je nach Marke – sehr bis etwas bitter. Für mich gewöhnungsbedürftig, mittlerweile mag ich ihn schon recht gern. Besonders das Ritual gefällt mir so gut!

Hier mit Mate im Park am Fluss

Auch am nächsten Tag haben wir wieder ein Freundin von Gastón getroffen, die hat einen kleinen Sohn und der hat sich – nach kurzen Anlaufschwierigkeiten – so gefreut, dass Gastón wieder da ist. Gemeinsam waren wir am Spielplatz, Gastón und Fermin haben gespielt, Ana und ich haben über Erziehung und Kindergärten und Systeme und das Leben geredet – so ein feiner Nachmittag!

Ein ganz besonderer Tag war der Donnerstag, weil wir da zum ersten Mal ins Stadtzentrum von Buenos Aires gefahren sind und uns dort Zeit genommen haben zum Trudeln und Schlendern. So fein! Und von einer Welt – der Vorstadt, in der wir jetzt leben mit vielen kleinen Häusern und Gärten und wenig Leuten – in die nächste: Großstadtleben mit der weitesten Avenue der Welt, Unmengen an Menschen und Demonstrationen für oder gegen etwas an jeder Ecke, hupenden Autos und Sirenengeheul von den Einsatzfahrzeugen.

Funfact: Ich hab den Obelisk zuerst gar nicht gesehen, hab ihn mir größer vorgestellt. Aber hier pose ich brav als Touristin
Hier mit einer Medialuna – das ist ein kleines Croissant mit Zuckerguss – unglaublich guuuut

Beim Aussteigen aus der U-Bahn ist mit klargeworden, dass ich mich in einer der Metropolen der Welt befinde. Die Häuser, die noch aus der Blütezeit der Stadt stammen, mischen sich mit modernen Geschäften und den Zeichen von Großstadtarmut. Hier am Platz (Plaza de Mayo) vor dem rosaroten Haus, in dem der Präsident arbeitet.

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Das prächtige Haus der Post wurde umgewandelt in ein Kulturzentrum und das haben wir uns näher angeschaut. Beim Betreten hab ich mich gefühlt, wie 200 Jahre zurückversetzt. Die schweren Tische, die hohen Räume, die riesigen Lampen. All das ist erhalten von einer längst vergangenen Zeit. Und direkt daneben befinden sich modernste Kunstinstallationen, ein riesiger Raum, der sich wie schwebend durch die große Halle zieht, Ausstellungen über Musiker, die Geschichte von elektronischer Musik, ein Zelt aus Holz, in dem Klänge und Stimmen gespielt werden. Bunt gemischte Kultur in einem Haus voller Geschichte. Ein ganz besonderes Erlebnis für mich. Hier im Video seht ihr mich herumsausen unter tausenden von bunten Stoffen, ein kultureller Kindsein-Moment.

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Anschließend waren wir auch noch im chinesischen Viertel – und somit wieder in einer anderen Welt. Dort sind die Straßennamen in Chinesisch geschrieben, die Supermärkte verkaufen Schildkrötenfleisch und die Stimmung fühlt sich an, wie auf der anderen Seite der Welt. Faszinierend! Wir haben uns im Supermarkt eingedeckt mit Linsen, Tofu, veganem Käse und anderen Spezialitäten, die wir nur dort kaufen können. Ein feiner Tag, dieser Ausflug in drei verschiedene Welten.

Darf ich vorstellen: Die Touristin!

Die zweite Kategorie – die feinen Momente, die sich manchmal etwas verstecken und gefunden werden wollen, – tragen sich immer wieder zu, jeden Tag.

Die Momente, die ich besonders fein finde, sind die kleinen Augenblicke, wenn ich beim Abendessen mit der Familie dasitze und beobachte. Wenn Gastóns Mama versucht, mir etwas aus ihrer Kindheit zu erzählen und dann so zu lachen beginnt, weil sie sich an etwas Lustiges erinnert und ich einfach mitlachen muss, weil es so ansteckend ist und auch, wenn ich oftmals nicht alles hundertprozentig verstehe. Oder wenn Gastón seinem Papa etwas erklärt und der ihn mit leuchtenden Augen und voller Stolz anschaut und ihm ganz genau zuhört.

Oder wenn wir zum Gemüsegeschäft an der nächsten Ecke gehen und der Verkäufer am gleichen Morgen Papa geworden ist und wir uns neben der Auswahl an Gemüse und Obst die Babyfotos anschauen. Oder wenn wir im Lebensmittelladen an der anderen Ecke sind und der alte Herr, der seit gefühlten 100 Jahren das gleiche Geschäft hier hat, mich ganz genau anschaut und dann anlächelt, weil ich doch nicht ganz so aussehe, wie die meisten Leute hier und weil ich neu hier bin.

ooh unser Frühstück – das ist auch unglaublich fein!

Das sind feine Momente. Die kleinen Momente zwischen den großen.

Mit Gastón habe ich auch ganz viele dieser feinen Momente – wenn wir uns ein paar Stunden über alles Mögliche unterhalten und gar nicht merken, wie die Zeit vergeht. Oder wenn wir am Fluss sitzen, Mate trinken und über die Zukunft sinnieren. Oder wenn wir auf der Terrasse sitzen und gemeinsam Kinderbücher lesen, damit ich Spanisch lernen kann.

Hier ein Buch über verschiedene Formen von Landwirtschaft, sehr brauchbares Vokabular
Bananicecream – Eis aus gefrorenen Bananen mit Kakao und Lavendel mmmhh

Oder wenn wir mit dem Fahrrad durch die Straßen fahren, den Duft von frischen Blumen in der Nase, auf dem Weg zur nächsten Dietetica. Das sind kleine Läden, die gesunde Lebensmittel nach Kilo verkaufen. Und dort gibts auch immer wieder ien paar Schätze für uns zu finden. Gerade letztens waren wir bei der Dietetica um die Ecke und haben mit der Besitzerin geredet, über Österreich und welche Sprache wir da sprechen und dass Argentinien ja so ein schönes Land ist, wenn man die Wirtschaft nicht bedenkt und dass sie sich freut, wenn wir wieder kommen. Ach, so schön, das kleine Großstadtleben hier.

Das ist zwar im China-Supermarkt, aber so ähnlich schauts in den Dieteticas auch aus, nur in klein

Feine Momente nehme ich auch wahr, wenn ich merke, wie anders mein Blick auf manche Dinge ist. Einfach, weil ich in einer anderen Kultur, in einem anderen Land, in einer anderen Familie aufgewachsen bin. Ich merke, wie normal Dinge hier sind, die für mich einfach gar nicht normal sind. Ein Beispiel, damit ihr euch vorstellen könnt, was ich meine: Wenn hier jemand etwas erzählt, ist es völlig normal, die Person zu unterbrechen und die eigenen Gedanken einzubringen. Dadurch, dass das für mich ein Zeichen von Respektlosigkeit ist, mache ich das selbst auch nicht und fühle mich ein bisschen angegriffen, wenn ich unterbrochen werde. Dass es dabei aber nicht darum geht, wichtiger als die andere Person zu sein, sondern darum, dass das Gespräch lebendig bleibt und andere Sichtweisen eingebracht werden, muss ich erst lernen. Und wie viel ich es dann mag, weiß ich jetzt noch nicht. Ich zucke noch jedes Mal zusammen, wenn plötzlich drei Leute lautstark über drei unterschiedliche Themen reden. Und trotzdem wissen anscheinend alle, worum es geht.

Am Fluss – immer wieder schön

Was für mich auch ganz berührende, feine Momente sind, sind die vielen Nachrichten, die ich von meinen Lieben daheim bekomme. Mit ein paar Leuten tausche ich lange Sprachnachrichten aus, mit anderen Fotos und kurze Ich-denk-an-dich-Nachrichten. Es ist so schön, rundherum so viel ehrliches Interesse und Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich liebe diesen Austausch und fühle so viel Dankbarkeit, dass ich, egal wie weit ich weg bin, Momente des Nahefühlens und Teilhabens erleben darf.

Ich sitze übrigens gerade auf der Dachterrasse, hab mir ein Sonnensegel gebaut, weil es jetzt schön langsam wirklich warm wird und denke an all die feinen Momente, die waren – und auch an die, die kommen werden. Ich schau den Blüten beim Wachsen zu, genieße den Wind und bin so, so dankbar für mein Leben.

Mein heutiger Arbeitsplatz

Ich wünsch euch ganz viel feine Momente – große und kleine.

• K •