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Meine Lehrmeisterin, die Karotte

Lernen. Das hab ich immer schon gern gemacht. In der Schule und daheim, am Morgen und am Abend. Ich war eine von denen, die die Zusatzaufgaben immer gemacht haben – nicht unbedingt, weil es darauf ein Plus gab, sondern einfach, weil ich es mochte, seitenweise Rechnungen, neue Wörter und Vokabel aufzuschreiben und zu lernen. Weil ich das Gefühl mochte und immer noch so gerne mag, wenn sich was tut in meinem Kopf. Immer noch liebe ich es, Umfragen auszufüllen oder etwas zu lesen und danach Fragen zu beantworten. Ja, ich bin eine von denen.

Und so hab ich meine Aufgaben immer schön gemacht, hatte sogar Freude dabei und dann bin ich im Leben angekommen und merke, dass es nicht mehr viele solcher Schul-/Universitäts-/Prüfungssituationen gibt. Wie oft gibt es eine und nur eine Antwort? Bei der Millionenshow? Ja, da schon. Komm ich aber auch selten in die Mitte. Im Beruf? Eine Antwort und die anderen sind falsch? Auch da nicht wirklich. Im Alltag? Beim Kochen und Garteln? Oh, nein. Da gibt es hunderte von Herangehensweisen, hunderte Richtigs und ein paar “Beim-nächsten-Mal-werd-ichs-anders-machen”. Denn das ist es, dieses echte Lernen.

Diese Erkenntnis ist weder neu, noch unbekannt. Und ich glaub auch, dass sie jede und auch jeder von euch bereits erfahren hat.

Wie ihr bereits wisst, spielt sich mein Leben grad viel im Garten ab. Und wie beim letzten Text geschrieben, komm ich da immer wieder auf neue Sachen drauf. Und so kam auch die Idee zu diesem Text. Denn ich lerne gerade so viel, bin am Anfang und mitten drin in meiner Gartenlernreise. Und dieses Lernen ist ganz ein anderes, als das in der Schule (Uni,…). Ich probiere etwas Neues aus – in meinem Fall hab ich Karottensamen eingesetzt – und merke, dass ich zwar schon tausende von Karotten gekauft und gegessen habe, aber dass ich noch nie den Wachstumsprozess gesehen habe. Weder die Samen konnte ich zuordnen, noch konnte ich die Tatsache voraussagen, dass aus vielen, vielen Samen viele, viele Pflänzchen werden. Und so hab ich munter Samenkörner in die Erde gestreut, um dann ein paar Wochen später zu sehen, dass sie alle zu wachsen begonnen hatten.

Und was ich dann beim stundenlangen Auseinandersetzen und Platzmachen für jedes einzelne Karöttchen auch noch gelernt habe, ist, dass ich das beim nächsten Mal wohl anders machen werde. Weil es sicher andere (weniger zeitintensive) Wege gibt, um zum Ziel zu kommen. Und dieses Lernen ist so vielschichtig, so tiefgehend, ich sags euch.

Seit ich mich so intensiv mit unserem Garten befasse, möchte ich auch alles darüber wissen. Es reicht mir nicht, eine Sache zu tun und sie dann so zu belassen. Ich möchte wissen, warum die ersten Blätter bei einer Karottenpflanze anders ausschauen, als die anderen. Ich möchte wissen, welche Pflanzen sich gegenseitig rundherum helfen können. Ich möchte wissen, wann und wie viel und warum und wo einzelne Pflanzen gut wachsen. Und dann lese ich darüber, schaue mir Videos dazu an, frage Menschen, die es wissen könnten, probiere aus, warte und lerne dabei.

Dieses echte Lernen, dieses Lebenslernen, ist so belohnend. Ich weiß nicht, wie ich dieses Wort anders ausdrücken könnte. Der Lohn dafür ist nämlich weder ein Lob (noch ein Sternderl oder Pickerl oder Plus…) von jemandem, sondern es ist dieses tiefe innere Wohlgefühl, etwas für mich, für meine und die große Welt, getan zu haben. Und dieses praktische und theoretische, dieses Hand-Herz-Kopf-Lernen, dieses learning-by-doing, dieses aus-Fehlern-Lernen, dieses Prozess-statt-Produktorientiertierung, dieses sinnvolle, sinnhafte und sinnliche Lernen, das ist für mich das Lebenslernen.

Das hat mir meine Lehrmeisterin, die Karotte, in den letzten Wochen ausführlich und eingehend gezeigt. Und ich kanns kaum erwarten, bis ich wieder etwas Neues lernen kann. Bis ich wieder auf etwas draufkomme, wieder sehe, dass etwas so oder so (nicht) funktioniert und bis ich ein nächstes Mal freudestrahlend sagen kann: Das hab ich vorher noch nicht gewusst!

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