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Auszeichnung der Langsamkeit

Würde heute der Titel für die langsamste Langsamerin der Welt verliehen werden, würde ich mich nominieren. Ob ich ihn gewinnen würde, diesen Titel, das ist eine andere Frage.

Heute war nämlich mein Tag der Langsamkeit. Und nicht – wie ihr vielleicht annehmen könntet und was auch meinem Stil entsprechen könnte – gemütlich daheim oder langsam im Wald, in meiner Geburtstagshöhle oder beim Nichtstun. Nein! Heute war ich in meiner Arbeit in zwei Momenten besonders, besonders langsam.

Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass das eine gute Sache ist. Entgegen aller Ansichten moderner Gesellschaftsfanatikerinnen. Entgegen aller höher, schneller, besser Denkenden. Langsam ist das neue Gut. Gut und gut.

Also, um auch euch davon zu überzeugen, dass der Titel der Langsamkeit wohlverdient wäre, erzähl ich euch meine Geschichte:

Es ist 7 Uhr morgens. Ein Kind kommt in die Gruppe. Es sucht keine Spielsachen, es setzt sich nicht hin. Nein. Es fängt zu spielen an, in einer ganz anderen Weise, als ich das erwartet hätte. Es beginnt zu gehen. Und geht und geht und geht. Am Teppich entlang, den Blick auf ihre Füße gerichtet. Mal schneller, mal langsamer. Aber immer gehend. Es blickt manchmal kurz auf, schaut, was ich mache. Und geht weiter. Ich schaue. Schaue, was es macht. Schaue und habe Zeit. So machen wir das für 15 Minuten. 15 Minuten voller Schritte, meditativ, gleichmäßig, höchstkonzentriert. Das ist der Beginn meines Tages.

Die zweite Geschichte ereignet sich am Ende meines Arbeitstages. Ein Kind ist noch da. Ich sehe, dass es den Wasserhahn fokussiert und drehe den Wasserstrahl leicht auf. Halte meine Hand darunter und ziehe sie wieder zurück. Das Kind beginnt – zuerst zögerlich, dann immer entspannter – das Wasser über seine kleine Hand rinnen zu lassen. Es beobachtet genau. Probiert aus. Mit einer Sorgfalt, einer Konzentration, mit einer Hingabe, die kaum beschreibbar ist. Das geht 10 Minuten so dahin. Ich sitze hinter dem Kind, bin da. Beobachte, nicke zustimmend, bin still.

So. Langsam.

Ich beginne meinen Arbeitstag und ende ihn in einer Langsamkeit, die unfassbar gut tut. Ich bin mir im Klaren darüber, dass nicht ich die Künstlerin der Zeit bin. Nein.

Würde heute der Titel der langsamsten Langsamerinnen verliehen werden, würden ihn diese zwei kleinen Menschen verliehen bekommen. Mit Hingabe, Konzentration und viel Sorgfalt haben sie sich diesen Titel wohl verdient.

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